30 TAGE PRÄSIDENT

EXKLUSIV-INTERVIEW MIT JENS BÖHRNSEN

Das neue deutsche Staatsoberhaupt wird gewählt, mit viel, zu viel Theaterdonner. In dem vorangegangenen politischen Gelärme der Kandidaten-Kür behielt einer durch Unaufgeregtheit und Zurückhaltung den Kopf oben und erlangte so bundesweite Bekanntheit und Wertschätzung: Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (61). Als amtierender Bundesratspräsident kam ihm ohnehin die Stellvertreter-Rolle des Bundespräsidenten zu. Dass dies durch den überraschenden Rücktritt Horst Köhlers dann gewissermaßen bitterer Ernst wurde, hat ihn ebenso überrascht wie alle übrigen Deutschen. Staatsoberhaupt für 30 Tage mit allen Rechten und Pflichten – Jens Böhrnsen hat dies mit Stil und der gebotenen Zurückhaltung bewältigt. Das bestätigen alle Beobachter. Durch die Art und Weise, wie er dieses Amt ausfüllte, hat er nicht nur sein eigenes Format gezeigt, er hat auch das Bundesland Bremen positiv ins Gespräch gebracht. Im Interview mit dem BREMEN MAGAZIN zieht Böhrnsen Bilanz jener 30 Tage, von denen alle Bremer sagen können: Wir waren Präsident!

JB_

Wie haben Sie von Horst Köhlers Rücktritt erfahren?
Ich war gerade im Rathaus, als mir ein Anruf des Bundespräsidenten Horst Köhler angekündigt wurde. Der Anruf erfolgte dann etwas später am Montagmittag. Im persönlichen Gespräch hat mir der Bundespräsident seine Absicht mitgeteilt, dass er zurücktreten wollte.

Was haben Sie im ersten Augenblick gedacht?
Vor dem Telefonat hatte ich Sorge, dass der Bundespräsident seine Teilnahme an der Eröffnung der Special Olympics oder sogar am Tag der deutschen Einheit absagen will. So ist es jetzt ja auf andere Weise auch gekommen. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass er mir seinen Rücktritt mitteilen wollte.

Angela Merkel hat sich mit Ihnen auch telefonisch in Verbindung gesetzt. Was hat die Kanzlerin gesagt?
Die Bundeskanzlerin hat mir berichtet, dass der Bundespräsident sie ebenfalls angerufen hat. Und wir haben darüber gesprochen, wie es in den nächsten Tagen weiter gehen wird. Ich habe ihr von meinem Eindruck berichtet, dass ich Horst Köhler als sehr entschlossen erlebt habe, an dessen Rücktritts-Entschluss es nichts mehr zu deuteln gab.

Wie hat Ihre Lebensgefährtin reagiert?
Sie hat ebenso überrascht wie wir alle und auch ich auf diese Nachricht reagiert. Und natürlich hat sie überlegt, welche Folgen das wohl für meinen schon prall gefüllten Terminkalender haben wird. Aber sie hat auch sofort die Verantwortung gespürt, die damit verbunden ist, bei Begegnungen mit ausländischen Gästen unser Land zu repräsentieren.

Was war ihre erste Amtshandlung?
Ich konnte afrikanische Botschafter bei den Vereinten Nationen im Schloss Bellevue begrüßen. Es war eine überaus herzliche Begegnung mit vielen Gesprächen.

Gab es nach Köhlers Rücktritt große Veränderungen für Sie?
Mein Leben hatte sich nicht vollkommen verändert. Es ist die Aufgabe des Bundesratspräsidenten, die Befugnisse des Bundespräsidenten wahr zu nehmen. Er ist nicht Interims-Bundespräsident. Deshalb gab es zwar einige zusätzliche Reisen nach Berlin, aber mein Lebensmittelpunkt und mein Arbeitsschwerpunkt blieben auch im Juni in Bremen.

Sie sind also nicht für 30 Tage nach Berlin gezogen?
Nein, ich habe auch weiterhin an der Lesum gewohnt.

Köhler hatte ursprünglich auch vor, zur WM zu reisen. Weshalb haben Sie ihn in Südafrika nicht vertreten?
Eine solche Reise verträgt sich nicht mit der Aufgabe, die das Grundgesetz an den Bundesratspräsidenten stellt, um den Bundespräsidenten zu vertreten. Deshalb habe ich die Spiele zu Hause und bei Freunden erlebt.

Haben Sie im Juni ein doppeltes Gehalt bekommen?
Natürlich nicht. Es war eine große Ehre, das Staatsoberhaupt zu vertreten.

Wie hat es sich angefühlt, für 30 Tage der mächtigste Mann in Deutschland zu sein?
Ach, diese Frage hat sich gar nicht gestellt, weil das Amt des Bundespräsidenten nicht so angelegt ist. Ich wollte eine wichtige Aufgabe erfüllen, so gut ich das kann. Und ich sage Ihnen, wenn mir das gelingt, dann fühlt sich das auch gut an.

Könnten Sie sich vorstellen, so einen Posten auch längerfristig zu besetzen?
Ich bin leidenschaftlich gerne Bürgermeister in Bremen und Präsident des Senats.

Welchen Kandidaten hätten Sie für das Amt des Präsidenten präferiert?
Ich finde, wir hatten zwei ausgezeichnete Kandidaten und eine würdige Kandidatin. Da ich selbst als Mitglied der Bundesversammlung vom bremischen Parlament gewählt worden bin, wird es Sie nicht überraschen, zu hören, dass ich Joachim Gauck gewählt hätte.

 

 

 

 

 

 

 



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